Waldorfpädagogik
Die Waldorfpädagogik ist eine durch Rudolf Steiner (1861–1925) begründete Pädagogik auf der Grundlage der ebenfalls von ihm entwickelten Menschenkunde Anthroposophie. Sie wird der Reformpädagogik zugerechnet.
Sie fand bei ihrer Entstehung zu Beginn des 20. Jahrhunderts zunächst Anwendung als Pädagogik der 1919 in Stuttgart eröffneten ersten Waldorfschule, die eine Betriebsschule für die Kinder der Arbeiter und Angestellten der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik war. Wenige Jahre später wurde bei der Entwicklung einer spezifischen Kindergartenpädagogik und Heilpädagogik auf sie nochmals zurückgegriffen.
(aus: Wikipedia)
Elemente der Waldorfpädagogik
Die Grundlage der Waldorfpädagogik ist die geisteswissenschaftliche Auffassung der Menschenkunde von Rudolf Steiner.
Die vier Wesensglieder des Menschen
Für Steiner gliedert sich der Mensch in einander verschiedene ‚Wesensglieder‘, die in verschiedenen Lebensabschnitten unterschiedlich zum Tragen kommen.[2]
Die Entwicklung des Menschen erfolge in Rhythmen von ca. sieben Jahren.[3]
In den ersten sieben Jahren entwickelt der Mensch seinen physischen Leib und die Sinne. Die inneren Organe werden ausgebildet. Das Kind nimmt in diesem Alter die Welt vor allem durch Nachahmung in sich auf. Dementsprechend ist die Kindergartenpädagogik stark rhythmisiert. Die Erzieherinnen beginnen regelmäßig immer mit gleichen Beschäftigungen (z.B. findet immer montags Aquarellmalen statt, dienstags wird Brot gebacken usw.) und Märchen werden so lange erzählt und vorgespielt, bis viele Kinder sie auswendig können. Das erste Jahrsiebt wird durch das Eintreten des Zahnwechsels abgeschlossen. Kinderkrankheiten sind notwendige Stationen auf diesem Weg des Kindes in seinen Körper und symbolisieren Fortschritte auf diesem Weg.
In den zweiten sieben Jahren entwickelt der Mensch den ‚ätherischen Leib‘. Die Kräfte der Organbildung sind abgeschlossen und nun frei für ‚seelische Denk-, Lern- und Gedächtnisaufgaben‘. Die Ausbildung des Ätherleibes unterstützt man durch Bilder, Beispiele und durch Lenken der Phantasie. Es ist die Zeit der Wertebildung des Menschen. Steiner nennt es ‚Nachfolge und Autorität‘ – allerdings einer vorbildhaften Autorität. Dieses Jahrsiebt wird durch den Eintritt in die Pubertät abgeschlossen.
Im dritten Jahrsiebt wird der ‚Astralleib‘ (emotionales Innenleben) entwickelt und damit die Fähigkeit, das eigene innere der Seele durch Introspektion bewusst und intensiv zu erleben. Die intellektuellen Kräfte bilden sich aus, es ist die Zeit der Entwicklung des eigenen Urteils. Es geht um Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Das Erziehungsprinzip ist jetzt Sachlichkeit.
Erziehung nach dem 21. Lebensjahr ist vor allem Selbsterziehung. Das Ich ist entwickelt. Es hat in den vorangegangenen Abschnitten die Aufgabe, die ‚niederen Wesensglieder‘ zu durchdringen, sie umzuwandeln und ihre Entwicklung vorantreibend zu veredeln.
„Wie der physische Leib zerfällt, wenn ihn nicht der Ätherleib zusammenhält; wie der Ätherleib in die Bewußtlosigkeit versinkt, wenn ihn nicht der Astralleib durchleuchtet, so müßte der Astralleib das Vergangene immer wieder in die Vergessenheit sinken lassen, wenn dieses nicht vom ‚Ich‘ in die Gegenwart hinübergerettet würde. Was für den physischen Leib der Tod, ist für den Ätherleib der Schlaf, das ist für den Astralleib das Vergessen. Man kann auch sagen: Dem Ätherleib sei das Leben eigen, dem Astralleib das Bewußtsein und dem Ich die Erinnerung.“[4]
Die vier Temperamente und ihre Berücksichtigung in der Erziehung
Steiner unterscheidet das sanguinische, das melancholische, das phlegmatische und das cholerische Temperament. Diese vier Grundtypen seien seit alters her bekannt und sind ein wichtiger Aspekt für die Didaktik der Unterstufe (s. Seminarbesprechung für die Lehrer der ersten Waldorfschule).
Überwiegt ein Wesensglied, so bilden sich die verschiedenen Temperamente aus: Überwiegt der Körper (physischer Leib) so tendiert das Kind zum melancholischen Temperament. Ein starker Lebensleib (Ätherleib) ist in Relation zu einem phlegmatischen Temperament, ein starker Astralleib dem sanguinischen und ein starkes Ich dem cholerischen Temperament. Das jeweilige Temperament drückt sich auch in der Körperhaltung, der Physiognomie, im Gang, in der Gestalt, in Gesten, im Grad der Erregbarkeit und der Stärke aus.
Die Temperamente bilden polare Gegensätze:
(1) melancholisches T.: wenig Erregbarkeit, starke Intentionen
(3) sanguinisches T.: viel Erregbarkeit, weniger starke Intentionen.
und
(2) phlegmatisches T.: intentionale Stärke und Erregbarkeit am geringsten
(4) cholerisches T.: intentionale Stärke und Erregbarkeit am größten
Die polaren Gegensätze 1 und 3, 2 und 4 bleiben immer getrennt, dagegen verschwimmen sowohl 1 und 2 als auch 3 und 4 miteinander. Jeder Mensch besitzt eine einzigartige Mischung, die seine Individualität bedingt.[5]
Pädagogisch nutzt Steiner das und empfiehlt in den untersten Klassen z.B. gleiche Temperamente zusammenzusetzen, denn so schleifen sie sich ab, werden sich überdrüssig, werden ausgeglichener.
Die Temperamente spielen allerdings nur in den ersten drei Schuljahren eine Rolle, später sollten die Schüler sich so weit entwickelt haben, dass sie die Eigenarten ihres Temperamentes kontrollieren können und im Unterricht wird darauf keine Rücksicht mehr genommen.
Der Lehrplan von 1919
Der Lehrplan nimmt auf die von Altersstufe zu Altersstufe fortschreitende Entwicklung der Kinder und Jugendlichen Rücksicht aus Sicht der Theorien Rudolf Steiners. Es soll nicht nur reine Wissensvermittlung geschehen, sondern Erziehung vonstattengehen.[6]
Hauptunterricht wird in allen 12 Klassenstufen erteilt und umfasste (1919) alle wissenschaftlichen Fächer (Deutsch, Mathematik, Geschichte, Sachkunde, Pflanzen- und Tierkunde, Menschenkunde, Astronomie, Erdkunde, Geometrie, Physik, Chemie) und die Muttersprache.[7]
- Englisch und Französisch (oder eine andere Fremdsprache) ab Klassenstufe 1–5 je ca. drei Stunden, ab Klasse 6 je 2–3 Stunden.
- Eurythmie in allen Klassen
- Turnen und Gymnastik bis zur Klasse 3 eine, später zwei Stunden
- Religion in allen Klassen
- Singen in allen Klassen
- Instrumentalmusik: in allen Klassen, Flöte und Geige in den Klassen 1–4, ab Klasse 5 Orchester (oft alle Schüler einer Klasse)
- Handarbeit
- Kunst
- Buchbinden
- Handwerk und Gartenbau
- Latein und Griechisch
- Feldmessen
- Spinnen
- Technische Mechanik, Technologie
- Erste Hilfe
- Stenografie
Da es die Schule 1919 noch nicht als Oberstufe gab, folgten entsprechende Fächer erst einige Jahre später.
Der Lehrplan heute
Heute ist dieser Lehrplan von 1919 immer noch Orientierung, auch wenn sich durch die Autonomie der Schulen und die regional geltenden Prüfungsanforderungen Änderungen ergeben haben. So werden Latein und Griechisch, Spinnen, Erste Hilfe, Technische Mechanik/Technologie und Stenografie kaum noch unterrichtet, an die anderen Empfehlungen Rudolf Steiners wird sich aber nach wie vor gehalten.
In vielen Klassen werden auch epochenweise kleine Szenen oder Theaterstücke (meist 8. Klasse und 12. Klasse) einstudiert.
Jeder Lehrer verfügt in seinem Unterrichtsaufbau über viele Freiheiten, um auf die Entwicklung und Interessen der Kinder angemessen reagieren zu können. In der Oberstufe spielen die Vorgaben der Lehrpläne für Prüfungen in den Prüfungsfächern eine bedeutende Rolle.
In der Oberstufe gibt es des Weiteren Geographie, Physik, Chemie, Biologie, Kunstgeschichte, Architektur, Landwirtschafts-, Vermessungs- und Sozialpraktikum und eine Vielfalt von handwerklichen Möglichkeiten (z.B. Korbflechten, Weben, Buchbinden, Schreinern, Zeichnen- und Malen, Bildhauerei etc.)
Jedes Kind soll dadurch in seiner Entwicklung die Stufen der Menschwerdung noch einmal durchlaufen können.[8]
Die Waldorfschule war und ist Vorreiter
Gemeinsamer Unterricht für Jungen und Mädchen, zwei Fremdsprachen ab der ersten Klasse, Epochenunterricht (Blockunterricht), Gesamtschule von Klasse 1 bis 12, Verzicht auf Sitzen bleiben, künstlerische Gestaltung des Unterrichts, ausführliche Textzeugnisse, Verbindung von allgemeiner und beruflicher Bildung, Selbstverwaltung (Autonomie) der Schule – all das ist selbstverständlich seit Gründung der ersten Waldorfschule im Jahre 1919; erst sehr viel später wurde einiges davon auch in die Unterrichtspraxis der „Regelschule” aufgenommen.
Waldorfpädagogik will die kreativen Kräfte der Schüler von Grund auf entfalten. Anstatt mit vorwiegend vorgegebenen Formen zu arbeiten, die ggf. Lücken zum Ausfüllen bieten, ersetzen selbstgestaltete Epochenhefte weitgehend die Lehrbücher.
Soziale Kompetenzen entwickeln
Das Erüben sozialer Kompetenzen in einer möglichst stabilen Klassengemeinschaft von Schülern unterschiedlicher Begabung ist lebensnaher als ein notenorientiertes Lernen von Schülern derselben Begabungsbandbreite. Gymnasien berauben Real- und Hauptschulen ihrer Zugpferde. Das Herauslösen leistungsschwacher Schüler aus einer Klassengemeinschaft durch Sitzen bleiben setzt einen abstrakten Leistungsgedanken vor die soziale Tragfähigkeit einer Klassengemeinschaft. Waldorfschulen bauen dagegen auf das Lernen im gegenseitigen Miteinander. Denn schneller begreifende Schüler lernen am meisten, wenn sie Gelegenheit bekommen, langsamer begreifenden Schülern etwas zu erklären. Letztere lernen auch besser, wenn sie nicht ausschließlich auf die Erklärungen des Lehrers angewiesen sind. Das gemeinsame Lösen von Aufgaben in Gruppen mit unterschiedlichen Begabungen ist eine Herausforderung des Berufslebens, auf die Schule schon vorbereiten sollte.
21 Fragen die immer wieder von Interessierten gestellt werden!
* Zur besseren Lesbarkeit verwenden wir in dieser Broschüre „Schüler“ bzw. „Lehrer“. Gemeint sind selbstverständlich immer beide Geschlechter.
Zum Schluss…
In dieser Darstellung wurde versucht, die häufigsten Fragen zur Waldorfschule übersichtlich und in knapper Form zu beantworten. Natürlich können dabei nicht alle Themen erschöpfend behandelt werden.