Eurythmie

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Eurythmie 2017-06-04T17:35:38+00:00

Was ist eigentlich Eurythmie?
Schüler der 9. und 13. Klasse wissen es

Schüler, Lehrer und Eltern kennen das Problem, dass sie auf die Frage: »Was ist Eurythmie« keine bündige Antwort wissen. Häufig werden Waldorfschüler, wenn sie sich als solche zu erkennen geben, mit dem Satz konfrontiert: »Ach, dann kannst du deinen Namen tanzen?«

»Seinen Namen tanzen« ist die am meisten eingetippte Wortkombination, wenn jemand im Internet Auskünfte zu Waldorfschule und Eurythmie sucht. Im vertieften Gespräch, bei ernsthaften Fragen, zeigt sich dann, dass sowohl Schüler als auch Eltern auf die Frage, was Eurythmie eigentlich ist, in Erklärungsnot geraten. Selbst gestandene Kollegen aus der Schule haben häufig dieses Problem. Im Gespräch mit ehemaligen Schülern wurde mir klar, dass es auch mir in der Vergangenheit nicht immer gelungen war, meinen Schülern klare Begriffe auf den Weg zu geben, die es ihnen ermöglicht hätten, das Fach in wenigen Sätzen zu beschreiben – eine pädagogische Bankrotterklärung, die mich betroffen und nachdenklich gemacht hat. Dieses Problem begleitet mich seit Beginn meines Eurythmie-Studiums.

Am einleuchtendsten sind immer die Erklärungen, die auf eigenen Erfahrungen beruhen. Für meinen Unterricht bedeutet das, dass ich viel früher als in der Vergangenheit anfange, gemeinsam mit den Schülern, an der Bildung konkreter Begriffe zu arbeiten. Das beinhaltet ein genaues Beobachten und Erklären der Übungen und ihrer Zielsetzung. Natürlich muss dies in einer für die Schüler verständlichen Sprache geschehen. Vor die Aufgabe gestellt, sich und die eurythmischen Übungen genau zu beobachten und ihre Erfahrungen zu schildern, entwickeln die Schüler schon in der unteren Mittelstufe konkrete Begriffe, die eine solide Basis für die Arbeit in der Oberstufe bilden. Ein Unterricht, der nicht nur auf Nachahmung, sondern auch auf die Reflexion und Beschreibung von Unterrichtserfahrungen setzt, fordert von den Schülern Selbstständigkeit und Verständnis dafür, was die eurythmischen Übungen bei ihnen bewirken. Es geht nicht um ein »Verkopfen« des Eurythmieunterrichtes, sondern darum, Erfahrungen und Erlebnisse formulieren zu lernen, Übungen zu verstehen und erklären zu können sowie Fehler als unvermeidlich für den Anfang eines Prozesses zu akzeptieren.

Drei Sätze aus eigener Erfahrung

Also habe ich einige meiner Oberstufenstunden mit der Aufgabe, Eurythmie in drei Sätzen zu erklären, begonnen. Ich denke, dass jeder Waldorfschüler spätestens ab der Oberstufe die Fähigkeit haben sollte, eine solche kurze Antwort zu formulieren. Einer der Gründe, weshalb ein so undifferenziertes und teilweise negatives Bild von der Eurythmie besteht, liegt darin, dass häufig noch nicht einmal Waldorfschüler erklären können, was diese bedeutet.
Insbesondere dort, wo Eurythmie keinen guten Stand hat, kommt von Schülern oft die Frage: »Was bringt mir Eurythmie? «. Dies ist natürlich eine Killerfrage, die zeigt, dass ganz viel schief gelaufen ist. Vermutlich haben viele Lehrer, die dieses Fach unterrichten, diese Frage irgendwann einmal gehört, und ich kenne den Erklärungsnotstand, in den man dann gerät. Mögliche Antworten in Form von Gegenfragen sind zum Beispiel: »Was bringt dir denn Mathematik? Oder Kunst?«

Ich möchte Ihnen einige Antworten aus der neunten und der 13. Klasse vorstellen. Die Schüler der neunten Klasse haben zu dritt zusammengesessen und hatten zehn Minuten Zeit, während die Schüler der 13. Klasse in derselben Zeit allein eine Formulierung gesucht haben. Aus den Antworten der Schüler aus der neunten Klasse wird deutlich, dass diese besonders an dem interessiert sind, was die Eurythmie bewirkt, und dass sie weniger in der Lage sind, eine Definition zu geben. Deutlich differenzierter sind dann schon die Beiträge von Schülern der Abiturklasse, die eher auf die Fragestellung eingehen können. Aber dies entspricht ja auch dem jeweiligen Alter.

Das Wunderbare ist nun, dass ich anhand der Aussagen der Schüler ein Spiegelbild meinesUnterrichtes bekomme und daraus Anregungen für meine künftige Unterrichtsgestaltung gewinnen kann. Die Antwort einer kecken Schülerin der neunten Klassemuss ich hier vorab zitieren: »Klar kann ich meinen Namen tanzen, aber das lernen wir schon in der ersten Klasse! Dann fällt denen gar nichts mehr ein!«

Antworten der neunten Klasse

»Eurythmie vermittelt den Umgang mit Bewegung, Rhythmik und Musik. Die Formen fördern besonders das dreidimensionale Denken und bieten Diskussionsstoff. Sprache und Töne werden ebenfalls mit Eurythmie ausgedrückt und werden dadurch bewusster erfasst.«

»Eurythmie ist gut für die Koordination und stärkt das Selbstbewusstsein. Eurythmie fördert außerdemdas Rhythmusgefühl und die Körperhaltung. Zusätzlich stärkt Eurythmie die Gruppendynamik und die Konzentration.«

»Lernen, mit seinem Körper umzugehen. Eurythmie ist eine Kunst, die durch Körpersprache zum Ausdruck gebracht wird. Eine Form, von einem Blatt in einen Raum übertragen. «

»Es geht darum, Gefühle und Wörter in musikalischer Bewegung auszudrücken und darzustellen. Es führt dazu, dass man eine bessere Körperbeherrschung hat und der Geist ausgeglichen ist.«

»Eurythmie ist ein Bewegungsablauf zu meist klassischer Musik, der das Körperbewusstsein und die Koordination fördert. Es ist der körperliche Ausdruck von Musik und Textpassagen zum Beispiel Gedichten, Zitaten etc.«

Antworten der 13. Klasse

»Eurythmie ist die Verkörperung von Sprache und Musik. Sie ist das Ausdrücken von Tönen, Texten und Emotionen in Musik und Sprache durch den ganzen Körper und im ganzen Raum, wobei dies von Einzelnen oder in einer Gruppe erarbeitet werden kann.

»Eurythmie ist eine Bewegungskunst. Diese Kunst wird durch Hören, Bewegen, Fühlen und Sehen bestimmt. Ganz stark verbunden ist sie mit der Musik und der Sprache, wodurch harmonische Formen entstehen, die man auf unterschiedlichste Art und Weise ausdrückt.«

»Eurythmie ist die Bewegung einer Gruppe oder Einzelperson im Raum zu einem Musikstück oder Gedicht. Kombiniert mit einer Darstellung von Tönen oder Lauten mit den Armen. Sie macht Musik und Lyrik für die Augen sichtbar.«

»Eurythmie ist eine Bewegungskunst, die Musik, Sprache und Naturgesetze der Entwicklung des Menschen gemäß anwendet und diesen in der Eigen-, Gruppen- und Raumwahrnehmung schult.«

»Eurythmie ist die Kunst, Sprache oder Musik mit dem Körper durch Bewegung zum Ausdruck zu bringen. Über die Eurythmie kann man einen Weg finden, sich selber auszudrücken. Eurythmie verbindet Geist und Körper und stärkt das Sozialverhalten und Vertrauen in einer Gemeinschaft. Durch Koordinationsübungen hilft sie dabei, den Körper mit dem Kopf zu verbinden.«

Zum Autor: Jürgen Frank ist Eurythmielehrer an der Waldorfschule Hamburg-Bergstedt.

Der Artikel ist erschienen in der Zeitschrift „Erziehungskunst“ im Februar 2011 – => Download als .pdf Datei